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04.07.2013

Nachdenklich machende Spendenaufrufe im Internet

Bei Twitter kam man heute leider kaum der Geschichte einer halbwegs bekannten Twitterin vorbei. Die Gute (ich nenne bewusst keine Namen; wer aufmerksam ist, findet die Story ganz schnell und zur Erklärung reichen auch die Eckdaten) sitzt wohl seit heute morgen im Knast, weil sie dem Staat mal eben 1800 Euro (120 Tagessätze à 15 Euro) schuldet. Da solche Dinge ja grundsätzlich von heute auf morgen passieren wie hier: “Juten Tach! Von der Polizei sind wir, Sie kommen jetzt mal schön mit in den Knast für 4 Monate.” und nicht zufälligerweise zunächst einmal Verhandlungen stattfinden, bei denen man sich auch auf eine Ratenzahlung einigen könnte oder soziale Dienste verrichten kann (nein, ich habe damit keinerlei eigene Erfahrungen, habe es aber durch meine ehrenamtliche Arbeit im Tierheim und den Sozialstunden verrichtenden Menschen und deren Geschichten dahinter schon öfter mitbekommen, dass es so in etwa verläuft), wurde sie dann wohl eingeknastet. Wären da nicht zwei Herren gewesen, die sich sehr rühmlich um sie gekümmert hätten, würde sie dort wohl auch die nächsten Monate schmoren. Die Netzwelt wäre aber nicht die Netzwelt, wenn das Ganze nicht weite Kreise gezogen hätte und so hat man das Geld scheinbar zusammen bekommen. Glückwunsch...gelernt haben wird die Gute daraus vermutlich nichts. Theoretisch könnte ich hier bereits beenden, aber die Art und Weise, wie man darauf aufmerksam gemacht wurde, fand ich teilweise schon sehr dreist. Selbsternannte vermeintliche Elite ruft im Blog dazu auf, für diese Dame alias “eine Freundin”, die scheinbar gar nichts mehr im Griff zu haben schien, außer ihren Twitteraccount, zu spenden. Jawohl, 1800 Euro...und sie wissen/wussten nicht einmal, was das Madämchen überhaupt verbrochen hat. Der eine rühmt sich, ein 70-Stunden-arbeitender Unternehmer zu sein, der andere Autor. Liebe Leute, wenn ICH eine Freundin hätte, die in Not wäre und mich noch so herausstelle, was ich alles tue, um mein Geld zu verdienen, würde ich sicher NIEMANDEN da draußen mit solchen Spendenbetteleien belästigen, sondern die Kohle zusammenkratzen und still und leise helfen. Punkt. Keine Pointe. Auch ich hatte - wie vermutlich fast jeder - schon mal finanzielle Engpässe und Probleme, aber andere ausbaden zu lassen, was man selbst verbockt hat?  Was hätte sie denn für Möglichkeiten gehabt?
a) Versucht man das zunächst selbst zu regeln, indem man bezahlt, zur Not auch in Raten
b) Sollte man nicht warten, bis es 5 vor 12 ist
c) Hätte sie ihre Bank bitten können, einen Dispo einzurichten oder kurzfristig einen Kredit beantragen
d) Könnte man seine Wohnung entrümpeln und auf den nächsten Flohmarkt stiefeln oder Dinge bei Ebay verkaufen
e) Verwandte und/oder Freunde um Hilfe bitten
f) Bei einer rechtskräftigen Verurteilung hätte sie auch Sozialstunden ableisten können (kostet außer Zeit nichts)
g) Wenn nichts mehr gegangen wär, einen Schuldenberater aufsuchen und ggf. ein Verbraucherinsolvenzverfahren einleiten lassen? Sicher gibt es noch Punkte dazwischen, die man hätte probieren können. Was davon passiert ist, weiß ich nicht. Ein Tweet vom 7. April der besagte “Wenn ihr nichts mehr von mir hört, bin ich im Knast oder auf der Flucht. Aus Gründen.” lässt jedoch im Nachhinein tiefer blicken als man zu diesem Zeitpunkt vielleicht geahnt hätte. Von April bis Juli sind immerhin 3 Monate vergangen, in denen Fotos, fröhliche und weniger fröhliche Tweets über Ex-Freunde & Co. verfasst wurden. Zeit, die man vielleicht zum Abbau dieses Betrages hätte nutzen können. Für die Kritiker: ja, ich weiß, ich kenne ihre Situation nicht, aber ich finde, sie hat es sich etwas sehr einfach gemacht mit ihrem Hilferuf über Twitter. 1800 Euro Strafe erhält man nicht für einmal Kaugummi klauen oder schwarz fahren. Falls sie beispielsweise unter Alkoholeinfluss Auto gefahren wäre und Sachschaden entstanden wäre, würde ich so etwas noch viel weniger unterstützen wollen...warum gehen Spender also lediglich von einem Freundschaftsdienst aus? Was mich aber fast am meisten geärgert hat war die Tatsache, dass jemand, der generell kein Blatt vor den Mund nimmt (was ich im übrigen guten finde), teilweise sehr pampig und fordernd den Spendenaufruf geschrieben hat. Auf sachliche Kritik wurde ebenfalls null eingegangen sondern es hagelte Beleidigungen, was ich definitiv mehr als unangebracht halte, wenn man in der Position ist, dass man von anderen etwas möchte. Aber gut, es gibt immer genügend Menschen, die an das Gute anderer glauben und wohl auch ausreichend gespendet haben, wie ich heute Abend vernehmen durfte. Bei solchen Aktionen aber auf sein eigenes, privates (!) Konto Überweisungen fließen zu lassen, weil man auf “Hipsterscheiße” wie Paypal keine Lust hat, finde ich nur noch arrogant. Es wäre transparent für alle verlaufen. Leetchi z.B. bietet Social Gifting an (4% Gebühren bei Auszahlung fallen an), Gynny bietet Spendenaktionen an, bei denen man entweder über Links von Online Shops etwas einkaufen kann und dann ein prozentualer Anteil nach maximal 2 Tagen der Spendenaktion gutgeschrieben wird, man kann aber auch über Paypal direkt spenden. Alles offen und für jeden einsehbar. Nun denn, die Aktion ist abgeschlossen. Aber nicht nur das Real Life bietet Platz für Unsympathen...Ein negativer Beigeschmack bleibt.
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